
Sonja Knips und die Wiener Moderne - Diese Rezension ist erstmals erschienen unter: www.sandammeer.at/rezensionen/knipswrmod-miller.htmSchon beim ersten Durchblättern ist kaum zu übersehen, dass man ein besonderes Exemplar in Händen hält. Zwar wirkt der Einband einwenig schlicht und farblos, jedoch lässt das Innere des Buches keine Wünsche offen. Die vielen, auf hochwertigem, glänzenden Papier gedruckten Abbildungen, Skizzen und Fotos - mehr als die Hälfte davon sind in Farbe - vermitteln einen realistischen Eindruck von den damaligen Gegebenheiten und tragen zur Veranschaulichung bei. Auch das Verhältnis von Wort und Bild stimmt völlig. Die Seiten wirken nie überladen, die Unterteilung des Textes in kleinere, überschaubare Absätze gestaltet sich übersichtlich.Eine Besonderheit des Buches ist die Art seines Zugangs zum Thema. Anders als in gewöhnlichen Sachbüchern betrachtet die Autorin hier die Zeit aus einem anderen Blickwinkel. Sie versucht sie nämlich mit den Augen einer überaus bedeutenden Frau zur Zeit der Wiener Moderne zu sehen, nämlich mit denen der Sonja Knips.Als Tochter einer gesellschaftlich angesehenen aber unvermögenden Offiziersfamilie heiratete diese den aus Sachsen stammenden Wiener Großindustriellen Anton Knips. In ihm fand sie einen großzügigen Gönner, der ihren aufwändigen Lebensstil und ihre Vorliebe für die zeitgenössische Kunst finanzieren konnte.Ein wichtiger Künstler dieser Epoche war Gustav Klimt, mit dem die Knips eine tiefe Freundschaft verband. Dieser Verbindung und der Gründung der Wiener Secession widmet Manu von Miller das erste Kapitel. Außerdem enthält es eine gelungene Analyse und Interpretation der Klimtschen Bilder unter anderem des Werkes Das Bildnis Sonja Knips.Als äußerst kunstinteressierte Frau engagierte sich Sonja Knips natürlich auch für die sich damals im Entstehen befindende Wiener Werkstätte. Wie fast jede Frau legte sie besonders großen Wert auf Mode und kostbare Accessoires, weshalb sie auch Gefallen an den einzigartigen Stoffen der Wiener Werkstätte fand. Dabei erzählt die Autorin außerdem vom berühmten Wiener Modesalon Flöge, der unzählige Kleider der Knips und anderer wohlhabender Damen schneiderte. Abgerundet wird der Ausflug in die Modewelt um 1900 mit den Ausführungen über das Aufkommen des neuartigen Reformkleides und den Schmuckkreationen der Wiener Werkstätte.Ihrer Rolle als Förderin der Wiener Werkstättenkunst wurde sie nicht nur durch Mäzenatentum sondern auch durch Erteilung erster Aufträge gerecht. Ein besonders geschätzter Künstler war der Architekt Josef Hoffmann. Sein äußerst produktives Schaffen rund um Sonja Knips beschreibt das dritte und letzte Kapitel des Buches ausführlich.Den Anfang machen die Renovierungsarbeiten der ehelichen Wohnung in der Gumpendorferstraße in Wien. Die Knips war des alten Stils ihrer Einrichtung überdrüssig und beauftragte Hoffmann sogleich mit der Modernisierung. Im Buch sind neben einigen eindrucksvollen Originalfotos und Rekonstruktionen auch informative Beschreibungen und Erklärungen zu den einzelnen neu gestalteten Räumen wie dem Wohn-/Arbeitszimmer, dem Musikzimmer, dem Speisezimmer und dem Salon zu finden.Doch diese Umgestaltung stellte erst den Anfang dar. Josef Hoffmann kreierte für Sonja Knips ein Lebensumfeld, das ihre gesamte Alltagswelt durchdrang. So baute er ihr ein komplett auf ihre Bedürfnisse und Vorlieben ausgerichtetes Landhaus im kleinen Örtchen Seeboden in Kärnten und eine Villa in der Nusswaldgasse in Wien. Zuletzt wurde er sogar mit der Gestaltung der Familiengrabstätte am Hietzinger Friedhof betraut.Durch die andersartige Betrachtung der Materie erhält das Werk einen Anspruch auf Außergewöhnlichkeit. Mit der beeindruckenden Aufarbeitung dieser Frauenrolle wird das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Kunst und Förderung deutlich und lässt gleichzeitig das ihm innewohnende, unwahrscheinlich hohe Potenzial sichtbar werden. Eine gelungene Lektüre für Kunstinteressierte!(NiNanu, 10/2004)